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Die Stärksten kämpfen ein Leben lang

Prof. Dr. Theodor Bergmann (1916 – 2017)

Je älter er wurde, desto unwahrscheinlicher schien es, dass ihn je der Tod ereilen könnte. Noch lange nach seinem 100. Geburtstag war Theodor Bergmann, Agrarwissenschaftler und später Historiker der Arbeiterbewegung, unermüdlich als Vortragsreisender unterwegs, verfasste ein Buch nach dem anderen. Er sprühte vor Vitalität, Kreativität und Gedankenreichtum. Vor Kurzem erschien von ihm noch die Studie »Der chinesische Weg. Versuch, eine ferne Entwicklung zu verstehen«. Es sollte sein letztes Werk sein: Am Abend des 12. Juni ist Theodor Bergmann in seiner Wahlheimat Stuttgart im 102. Lebensjahr gestorben. Mit seinem Tod bricht die personelle Verbindung zur Arbeiterbewegung der Weimarer Republik ab, deren letzter Akteur und Zeitzeuge er war.

Geboren am 7. März 1916 in Berlin in der vielköpfigen Familie eines Rabbiners, stieß er 1929 zur kommunistischen Bewegung. Er schloss sich der Stalin-kritischen KPD-Opposition (KPO) um Heinrich Brandler und August Thalheimer an. Dieser politischen Entscheidung ist er ein sehr langes Leben lang treu geblieben. Er suchte und stritt für eine Welt, in der Freiheit und soziale Gerechtigkeit sich verbinden. Dies war für ihn Sozialismus - das Einfache, das so unendlich schwer zu machen ist, wie er wusste.

1933 musste der Siebzehnjährige ins Exil fliehen - Palästina, die Tschechoslowakei und Schweden waren die Stationen seiner Odyssee. Das Leben war hart und oft gefahrvoll, zweimal entkam Theodor Bergmann den Nazihäschern nur knapp. 1946 kehrte er nach Westdeutschland zurück. Das stalinistische Ostdeutschland war für ihn keine Alternative. Politisch fand Theo Bergmann in der Gruppe »Arbeiterpolitik« Halt, privat bei seiner Genossin Gretel Steinhilber, die ebenfalls aus der KPO kam. In seiner Autobiografie »Im Jahrhundert der Katastrophen«, die zu seinem 100. Geburtstag überarbeitet neu herauskam (VSA-Verlag, 22,80 €), beschrieb er in knappen Worten seinen steinigen Weg vom Landarbeiter und Hebräischlehrer bis zum Fachgebietsleiter für International vergleichende Agrarpolitik an der Universität Stuttgart-Hohenheim - und wie viele, nazistisch belastete »Kollegen« ihm die spät erreichte akademische Laufbahn zu verbauen suchten. Erst 1973 erhielt der Kommunist in der Bundesrepublik eine Professur. Mit immenser Arbeitsenergie, strikter Disziplin und einem unverwüstlichen Optimismus, den er sich bis zuletzt bewahrte, hatte sich Theo Bergmann durchgesetzt. Uneigennützig half er unter politischen Repressalien leidenden Studenten, auch dann, wenn er mit ihren Ansichten nicht übereinstimmte. Winfried Kretschmann, der heutige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und Jörg Hoffmann, heute Vorsitzender der IG Metall, haben vor allem ihm ihren Verbleib an der Universität Stuttgart-Hohenheim zu verdanken, als andere Professoren die damals ultralinken Studenten exmatrikulieren wollten. Sie dankten es ihm weniger als seine treuen Schüler wie Helmut Arnold, Joachim Herbold und Karl Burgmaier, die ihm bis zuletzt zur Seite standen.

Über sechzig Bücher sowie Hunderte Aufsätze, die auf allen fünf Kontinenten erschienen, zeugen von seiner schier unglaublichen Schaffenskraft. Sein beeindruckendes Wissen teilte er unaufdringlich, nie schulmeisterlich mit. Er war ein wahrer sozialistischer Weltbürger: Theo Bergmann schrieb und dolmetschte in fünf Sprachen, las ein halbes Dutzend weitere. Auf eigene Kosten reiste er siebzehn Mal nach China. Noch öfter bereiste er Israel, mehrmals Indien, Pakistan und viele weitere Länder - um »Entwicklungen zu verstehen«.

Theodor Bergmanns Arbeitsgebiete in Forschung und Lehre waren vor allem landwirtschaftliche Entwicklungsmodelle und das Genossenschaftswesen in verschiedenen Ländern. Studenten und Doktoranden berichten noch heute voller Zuneigung und Bewunderung von seiner Hilfsbereitschaft, seinem großen Fachwissen und seiner enormen humanistischen Bildung, um die er wenig Worte machte, aber auch von seinen hohen Anforderungen, die er stellte - die höchsten an sich selbst.

Immer mehr wurde die Geschichte und Politik der Arbeiterbewegung zu seinem Hauptthema, vor allem als Professor im (Un-)Ruhestand. Seine Geschichte der KPO, »Gegen den Strom«, gilt als ein Standardwerk. Doch auch zur Geschichte der Komintern, zum Spanienkrieg, zum israelisch-arabischen Konflikt lieferte er quellengestützte Werke. Er war mit seinem Kollegen und Freund Gert Schäfer Initiator einer Reihe internationaler Konferenzen zur Geschichte und zu aktuellen Problemen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie von Tagungen z. B. über Karl Marx und August Thalheimer, Trotzki, Bucharin, Lenin und Friedrich Engels. In Wort und Tat unterstützte er die Arbeit der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft durch eigene Vorträge, als Mitherausgeber mehrerer Konferenzbände, als Übersetzer von Beiträgen und als Unterstützer des wichtigen internationalen Kongresses der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Guangzhou/Canton 2004 mit einer von ihm organisierten erlebnisreichen Informationsreise durch die chinesische Provinz.

Theodor Bergmann verstand sich als kritischer Kommunist, und so nimmt es nicht Wunder, dass die SED seine Bücher zur Konterbande erklärte. Dennoch war es für ihn selbstverständlich, den ab 1990 »abgewickelten« DDR-Wissenschaftlern zur Seite zu stehen, selbst wenn sie ihn zuvor einen »Revisionisten« und »Renegaten« geschimpft hatten. Er trat der PDS bei, leitete zeitweise deren Landesverband Baden-Württemberg und war bis zum Lebensende in der politischen Bildungsarbeit aktiv.

Theodor Bergmann hielt es mit Bertolt Brecht: »Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich. « Theo hielt sich nie für unentbehrlich. Und doch war er es. Er wird uns fehlen.


Text: Mario Keßler – Erstveröffentlichung in : Neues Deutschland, 14. Juni 2017.
Mit späteren Ergänzungen von Ottokar Luban

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Prof. Dr. Jakow S. Drabkin (1918 – 2015)

Ein großer russischer Historiker und
Kenner der deutschen und internationalen sozialistischen Bewegung

Im September 1998 lernte ich Prof. Dr. Jakow Drabkin auf der Tagung der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft an der Universität in Tampere, Finnland persönlich kennen. Seine Werke über die deutsche Novemberrevolution und die Weimarer Republik sowie über die „Vier Aufrechten“ Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Karl Liebknecht und Franz Mehring waren mir wohl bekannt. Im Gespräch über Möglichkeiten von Archivrecherchen in Moskau gab er sich sehr kollegial, ohne jede Spur von Herablassung und Überlegenheit. Viele Gespräche mit einem bereichernden Gedankenaustausch schlossen sich im Laufe der Jahre bis in die jüngste Zeit an, ob am Rande von Konferenzen oder bei wechselseitigen Besuchen in Moskau oder Berlin.

Für die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft war Jakow S. Drabkin mit seinen fundierten Referaten und seinen den Punkt treffenden Diskussionsbeiträgen ein wichtiger Tagungsteilnehmer und Autor mit seinen Beiträgen für die Konferenzbände der wissenschaftlichen Vereinigung. Wenn er sich für eine Sache ganz besonders engagierte, konnte er auf den Tagungen sehr temperamentvoll werden, bewahrte dabei immer seinen Humor und seine sachliche Haltung.

Er war der russische Nestor der deutschen Revolutionsgeschichte 1918/19 und der Rosa-Luxemburg-Forschung. Seine beiden Monographien zum einen über “Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland” (Berlin [Ost] 1968) und zum anderen über “Die Entstehung der Weimarer Republik” (Berlin [Ost] 1983) werden wegen ihrer breiten Quellenbasis und scharfen Analyse als Standardwerk bis in die jüngste Zeit international hoch geschätzt und vielfach zitiert.
Auf der Basis der reichhaltigen Quellen verfasste er ein bewusst romanhaft, aber faktentreu geschriebenes Buch über die Mitglieder der Spartakusführung im Ersten Weltkrieg und in der Revolution 1918/19 “Die Aufrechten: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Clara Zetkin” (Berlin [Ost] 1988). Darin gelang es ihm, mit viel psychologischem Einfühlungsvermögen diese linkssozialistischen politischen Persönlichkeiten den Leserinnen und Lesern menschlich und politisch nahe zu bringen. Damit hat er in der Sowjetunion und in der DDR viel zur Popularisierung der “Vier Aufrechten” beigetragen.
Jakow Drabkin kommt auch das große Verdienst zu, durch eine Publikation im Jahre 1990 in Moskau Rosa Luxemburgs Manuskript über die russische Revolution vom September/Oktober 1918 der Öffentlichkeit in Russland zur Kenntnis gebracht zu haben. Im Februar 2004 organisierte er die erste Rosa-Luxemburg-Konferenz in Moskau. Anlässlich seines 90. Geburtstages im Jahre 2008 veranstaltete die Russische Akademie der Wissenschaften ihm zu Ehren eine wissenschaftliche Tagung mit internationaler Beteiligung (M. B. Korcagina, V.L. Telicyn (Hg.): Germanija i Rossija v sud’be istorika. Sbornik statej, posvjascennyj 90-letiju Ja. S. Drabkina, Moskva, Sobranije, 2008).
Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten gelang es ihm auch, 2002 in Moskau einen Band über das Wirken Lew Kopelews und dessen großem kulturhistorischem Werk , das “Wuppertaler Projekt” über die Geschichte deutsch-russischer Fremdenbilder (siehe: http://www.kopelew-forum.de/das-wuppertaler-projekt.aspx), zu veröffentlichen. Ihn verband mit Lew Kopelew, der 1981 vom Breshnew-Regime ausgebürgert worden war, eine lebenslange Freundschaft. Beide waren im Weltkrieg zusammen in einem sowjetischen Truppenteil an der russischen Westfront eingesetzt. Nach Kriegsende war Jakow Drabkin als Kulturoffizier der Sowjetischen Militäradministration tätig. Als Absolvent einer deutschen Schule in Kiew und profunder Kenner der deutschen Kultur, vor allem der Literatur, war er dafür prädestiniert.

Die deutsche Geschichte bildete sowohl während seines Studiums wie während seiner Forschungstätigkeit den Schwerpunkt seines Interesses, wie die bereits genannten Werke zeigen. Als Leiter des Forschungszentrums für deutsche Geschichte am Institut für allgemeine Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation und Mitglied der Gemeinsamen Kommission fur die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen („Deutsch-russische Historikerkommission“) war er an wichtigen Forschungs- und Publikationsvorhaben beteiligt. So gab er mit einer russischsprachigen Dokumentation von Komintern-Dokumenten (Jakov S. Drabkin, Leonid Babičenko; Kirill K.Širinja [Hrsg.]: Komintern i Ideja Mirovoj Revoljucii. Dokumenty, Moskva, „NAUKA“, 1998) den Anstoß zu seinem letzten großen Gemeinschaftswerk Deutschland, Russland, Komintern. (1918-1943), hrsg. von Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein , 3 Bände, Walter de Gruyter Verlag Berlin/München/Boston 2014 und 2015 (http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/186108 und http://www.degruyter.com/view/product/212875). Dieses monumentale Gemeinschaftsprojekt von russischen und deutschen Historikern bildet den Abschluss eines eindrucksvollen wissenschaftlichen Lebenswerkes.

Jakow Drabkin verstarb im Alter von 97 Jahren am 10. Oktober 2015 in Moskau. 

 

Text: Ottokar Luban

 

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Prof. Dr. Feliks Tych (1929-2015)

Historiker der polnischen Arbeiterbewegung und
 bedeutender Rosa-Luxemburg-Forscher
Eine kurze Würdigung
 

Holger Politt

Am 16. Februar 2015 starb in Warschau Feliks Tych. Ohne sein Wirken stünde die weltweite Rosa-Luxemburg-Forschung – zumindest was ihren polnischen Teil betrifft – noch in den Kinderschuhen. Dabei galt sein hauptsächliches Interesse weniger der Person von Rosa Luxemburg allein, vielmehr richtete es sich auf die komplexen und schwieriger zu verstehenden Zusammenhänge mit der polnischen Arbeiterbewegung als Ganzes. Allerdings hinterlässt der Historiker so etwas wie ein unvollendetes Werk, das aber besticht durch die vielen herausragenden Leistungen, ohne die eine sinnvolle Beschäftigung mit dem Wirken Rosa Luxemburgs heute kaum vorstellbar wäre. Auf einige Aspekte sei nachstehend verwiesen.

1) Der junge Historiker promovierte 1955 in Moskau mit einer Arbeit zur SDKPiL (Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens), die sich insbesondere auf die in der sowjetischen Hauptstadt befindlichen umfangreichen Archivmaterialien stützte. Neben Leo Jogiches, Julian Marchlewski und Adolf Warski war Rosa Luxemburg mit dem Gründungsvorgang und der weiteren Entwicklung der sozialdemokratischen Partei in dem seit 1815 zum Russischen Reich gehörenden Königreich Polen eng verbunden. Als Feliks Tych wenig später, und wiederum in einem Moskauer Archiv, auf nahezu 1.000 Briefe Rosa Luxemburgs an Leo Jogiches stieß, die .sie in der Zeit von 1893 bis 1914 meistens in Polnisch geschrieben hatte, konnte für die weltweite Rosa-Luxemburg-Forschung eine völlig neue Grundlage gelegt werden.

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Ab 1961 begann Feliks Tych in der Zeitschrift „Z pola walki“ (Vom Kampffeld) ein breiteres Fachpublikum mit diesen Briefen bekannt zu machen. Von 1968 bis 1971 wurden dann alle bis dahin bekannten und aufgefundenen Briefe Rosa Luxemburgs an Leo Jogiches von ihm in einer dreibändigen Buchausgabe herausgegeben. Der umfangreiche Apparat in diesen Bänden bildet seither eine unentbehrliche Grundlage für die Luxemburg-Forschung, besonders aber für den wichtigen Teil, der sich auf die enge politische und inhaltliche Zusammenarbeit mit Leo Jogiches bezieht. Auch die in der DDR im Dietz-Verlag ab 1982 besorgte sechsbändige Ausgabe von „Gesammelten Briefen“ (GB) Rosa Luxemburgs stützt sich bei den Briefen an Leo Jogiches meistens auf die Arbeitsergebnisse von Feliks Tych. Die beiden Herausgeber Annelies Laschitza und Günter Radczun schrieben dazu: „Feliks Tych hat seine Ausgabe mit umfangreichen, ins Detail gehenden Anmerkungen versehen. Seine Forschungsergebnisse, die die polnische Arbeiterbewegung und die Identifikation der oft unter Pseudonym in ihr wirkenden Personen betreffen, waren für die vorliegende Herausgabe der Briefe Rosa Luxemburgs an Leo Jogiches eine sehr wertvolle Hilfe.“ (Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 48⃰)

2) Bis heute sind zwei mehrbändige Dokumentensammlungen unerlässliche Hilfsmittel, um Ordnung ins Labyrinth der komplizierten Parteibeziehungen in der polnischen Arbeiterbewegung zu bringen. Zunächst erschienen von 1957 bis 1962 Dokumente zur Geschichte der SDKPiL aus der Zeit zwischen 1893 und 1903, also aus der Gründungsphase und aus der Zeit des ersten Versuchs, sich der russischen sozialdemokratischen Bewegung organisatorisch anzuschließen. 1962 wurden Dokumente zur Parteigeschichte der PPS-Lewica herausgegeben, die 1906 nach der Spaltung der PPS (Polnische Sozialistische Partei) durch den größeren Teil der Mitgliedschaft gegründet wurde und im Dezember 1918 zusammen mit der SDKPiL in die neugegründete Kommunistische Partei in Polen aufging (zunächst KPRP, später KPP). Diese Dokumente sind insofern für die Rosa-Luxemburg-Forschung von besonderer Bedeutung, weil Rosa Luxemburg in den Jahren 1908/09 in mehreren grundlegenden Beiträgen der PPS-Lewica vorhielt, nicht konsequent auf sozialdemokratische Positionen übergegangen zu sein, was eine organisatorische Vereinigung unmöglich mache.
In diesem Zusammenhang sei auch darauf verwiesen, dass Feliks Tych entscheidenden Anteil hatte an der kommentierten Publikation aller Parteiprogramme der polnischen Arbeiterbewegung bis 1918. Erst diese komplette Übersicht machte es z. B. möglich, den Stellenwert der von Rosa Luxemburg maßgeblich mit- oder überhaupt geschriebenen programmatischen Texte aus den Jahren 1893/1894 bzw. 1904/1905 bemessen zu können.

3) Maßgeblich beteiligt war Feliks Tych 1984 an der Herausgabe von über 800 Briefen von Kazimierz Kelles-Krauz aus den Jahren 1890 bis 1905. Kelles-Krauz war einer der führenden Köpfe in der PPS und ein ausgezeichneter Kenner der Schriften von Marx und Engels. Er verteidigte das Programm der PPS von 1892 als ein Klassenprogramm der Arbeiterbewegung, womit er sich also entschieden auf den Standpunkt stellte, dass das Erreichen der staatlichen Unabhängigkeit Polens darin eingeschlossen sei. Wenn Rosa Luxemburg nach 1893 vehement gegen den Sozialpatriotismus polemisierte, dann meinte sie vorzugsweise den marxistisch beschlagenen Kelles-Krauz, ohne ihn indes immer zu erwähnen. Rosa Luxemburg hielt Polens Unabhängigkeit für ausgeschlossen, u. a. weil sie ahnte, dass diese nur zum Preis eines Krieges zwischen den Teilungsmächten zu haben sei, der dann als Erster Weltkrieg tatsächlich ausbrach.

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Um Rosa Luxemburgs Auffassung zur polnischen Frage zu begreifen, braucht es zumindest der genauen Kenntnis des Gegenpols innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung. Die Briefsammlung von Kelles-Krauz ist dafür ein unentbehrliches Hilfsmittel, auch deshalb, weil die Quellenbezüge und –verweise einen breiten Kontext aufschließen.
4)Von 1973 bis 1988 wurden unter Feliks Tychs Leitung insgesamt elf Bände eines „Archivs der Arbeiterbewegung“ herausgegeben, in denen bisher nicht publizierte Dokumente zur Geschichte der polnischen Arbeiterbewegung aus Archivbeständen Polens und der Sowjetunion veröffentlicht wurden. Im ersten Band wurde u. a. ein von Rosa Luxemburg 1902 in Russisch geschriebenes und unvollendet gebliebenes Manuskript über die gegenseitigen Beziehungen zwischen der polnischen und russischen Arbeiterbewegung abgedruckt, das im Hinblick auf den beabsichtigten Beitritt der SDKPiL zur SDAPR (Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei) auf dem 2. Parteitag der SDAPR im Sommer 1903 angefangen wurde. Dieses bis dahin unbekannte Dokument, welches in Moskauer Archivbeständen aufgefunden wurde, ist auch deshalb bedeutsam, weil Rosa Luxemburg im Sommer 1903 sich wiederum entschieden gegen einen Beitritt zur russischen Partei aussprach. Einen Schlüssel zum Verständnis dieser Situation findet sich in Rosa Luxemburgs wichtiger Arbeit „Nationalitätenfrage und Autonomie“ aus dem Jahre 1908/09.
5)Im Jahre 1978 wurde unter der Leitung von Feliks Tych mit der Herausgabe eines Biographischen Wörterbuchs der polnischen Arbeiterbewegung begonnen. 1992 erschien mit dem Buchstaben K der bislang letzte Band. Die Grundlinien des Wörterbuchs sind die Gleichbehandlung aller Richtungen innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung und die vollständige Angabe der zur Verfügung stehenden wichtigen Lebensdaten. Damit wurde erstmals im sowjetischen Einflussbereich in einem größeren biographischen Umfang offiziell und detailliert auf die unbeschreiblichen Verbrechen der Stalinzeit verwiesen, die auch vor den Vertretern der polnischen kommunistischen Bewegung nicht Halt machte. Um einen guten Vergleich zu ermöglichen, sei darauf verwiesen, dass die Ausgabe der „Gesammelten Briefe“ von Rosa Luxemburg, die ab 1982 in der DDR erfolgte, immer noch eines guten Tricks bedurfte: „Zu allen Personen gibt es im Register biographische Angaben für die Zeit bis zur Ermordung Rosa Luxemburgs im Januar 1919.“ (GB, Bd. 1., S. 54 ⃰ )

6)Anfang 1989 stellte Feliks Tych die Druckvorlage zusammen für über 800 Briefe Julian Marchlewskis. Zum Druck kam es nicht mehr, weil die politischen Ereignisse dazwischenkamen, die sich in Polen ab Februar 1989 geradezu überschlugen. Nach 1990 war unter marktwirtschaftlichen Bedingungen an eine Herausgabe dieser Arbeit nicht mehr zu denken. Die Warschauer Allee mit dem Namen Julian Marchlewskis bekam nun den Namen von Papst Johannes Paul II., ersterer wurde zur geschichtlichen Unperson, nach der kein Hahn mehr krähen sollte. Ausschlaggebend war Marchlewskis Entscheidung, sich im Sommer 1920 an der Seite der Roten Armee aktiv für ein Sowjetpolen einzusetzen.
7)Ab 1992 begann Feliks Tych mit intensiven Arbeiten zu einer ausführlichen Biographie von Leo Jogiches, dem langjährigen Liebes- und Lebenspartner Rosa Luxemburgs, der auch nach der persönlichen Trennung 1907 ihr engster politischer Partner blieb und der im März 1919 in Berlin-Moabit brutal ermordet wurde. Feliks Tych ging es bei diesen Arbeiten auch darum, den hohen oder herausragenden Anteil am politischen und wissenschaftlichen Werdegang Rosa Luxemburgs kenntlich zu machen. Wie kaum ein anderer in der polnischen Arbeiterbewegung zeichnete sich der aus Wilna (Vilnius) stammende Jogiches durch genaue Kenntnis der russischen Bewegung aus. Das spielte eine ganz wichtige Rolle in der sensiblen Frage des Verhältnisses der SDKPiL zum Fraktionskampf zwischen Menschewiki und Bolschewiki in der SDAPR. Später warnte Jogiches im Dezember 1918 vor der Bezeichnung Kommunistische Partei, weil damit einer Identifizierung mit der Bolschewiki Tür und Tor geöffnet werde.
Der berufliche Werdegang verhinderte, dass Feliks Tych seine begonnenen Arbeiten zur Jogiches-Biographie fortsetzen konnte. Von 1995 bis 2006 war er Direktor des renommierten Jüdischen Historischen Instituts zu Warschau.


Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Holger Politt und von Dr. Evelin Wittich von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, auf deren Website die Erstveröffentlichung steht, abgedruckt.

Feliks Tych hat der ITH (“International Conference of Labor and Social History”) in Linz (Österreich) wesentliche Impulse gegeben und sich dort in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts weit vor “Perestroika” und “Wende” als “Brückenbauer” zwischen den Ost- und Westhistorikerinnen(historikern) betätigt, eine in der Zeit des “Kalten Krieges” schwierige Aufgabe. Im gleichen Sinne wirkte er seit Anbeginn in der “Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft”, sowohl als mehrfacher Referent wie als Organisator der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz 1996 in Warschau. Die zwei Fotos stammen von den Konferenzen der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Zürich (2000) und Bochum (2002).
Siehe dazu:
- www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.de/html/english.html
- http://www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.de/html/francais.html
- ITH Linz:
www.ith.or.at/mix/tych.htm  
-
United Kingdom
: https://rosaluxemburgblog.wordpress.com/2015/03/09/feliks-tych/ ; https://rosaluxemburgblog.wordpress.com/2015/05/31/prof-dr-feliks-tych-1929-2015-obituary-by-ottokar-luban/ 
- Kanada:
http://www.socialistproject.ca/?c2=2 ; http://www.socialistproject.ca/inthenews/FeliksTych.pd
- Russland (auf Russisch): www.praxiscenter.ru/issledovaniya/istoriya/
- USA: http://www.internationalmarxisthumanist.org/articles/in-memoriam-feliks-tych-1929-2015-an-outstanding-rosa-luxemburg-researcher-and-historian-of-the-european-labor-movement-and-post-holocaust

Weitere Nachrufe mit Betonung seiner bedeutenden Forschungen zur jüngsten jüdischen Geschichte: :

- “Jüdische Allgemeine” http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21553

- Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin: https://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Dokumente/Nachruf_Feliks_Tych.pdf

Die bedeutsame Rede von Feliks Tych zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2010 im Deutschen Bundestag:
 
www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2010/.../14-3-tych.pdf?